Mittwoch, 3. Juli 2013
#719# Am Anfang war das Studium
Vor mir ein Haufen Briefe. Die meisten aufgerissen, zwei sind erst heute gekommen.
Den ersten davon öffne ich. Humboldt-Uni. Absage. Na toll.
Aber es war zu erwarten. Mit einem Notenschnitt von 1,2 kann ich eben nicht dienen. Ich frage mich nur, was der soll im Bibliothekswesen, dann beantworte ich mir die Frage selbst: ist halt die einzige Uni, die das anbietet. Okay. Verstehen muss ich es trotzdem nicht und beschließe, dass es mir egal ist.
Dann nehme ich den zweiten Brief. Der ist genauso dünn wie alle anderen. Der Inhalt ist nur anders.
Angenommen. Anbei ein Infoblatt über die Formalien, die ich zu erledigen habe, um mich einzuschreiben.
Bibliothekswesen. Nicht der Hit. Ist aber besser statt noch einen weiteren Monat in der Schwebe im Jugendzimmer zu sitzen.
Ich beschließe also, mich über die Zusage zu freuen. Mitbewohner ist ebenfalls erfreut, dass mein erster Behördengang nach dem Abitur keiner zur Agentur für Arbeit sein wird.

Irgendwann kommt Mutter. Gutgelaunt, aufgeräumt. Hat bei der Nachbarin Karten gespielt, so wie jede Woche. Vater hat ihr schon gesagt, dass ich weitere Post habe. Was drin stand, erzähle ich aber selbst.
Mutter sieht mich mit dem Blick an. "Bibliotheks- und Informationsmanagement? Was soll das sein? Was macht man da?"
Ich zitiere die Studiengangsbeschreibung. Nicht ganz so enthusiastisch, weil bei mir wie immer nur Plan B funktioniert hat, aber ordentlich und sachlich: Informationsstrukturen in Deutschland, ein bisschen Informatik, aber nicht weltbewegend, ein bisschen Marketing,...
Sie unterbricht mich aufgebracht, ihre gute Laune ist wie weggeblasen. "Erst Psychologie und jetzt Informatik! Kannst du dich nicht einmal in deinem Leben entscheiden, was du willst?!"
Sie macht im Türrahmen kehrt und verlässt die Wohnung. Meinem Vater knallt sie an den Kopf, dass sie wieder zur Nachbarin geht und noch nicht weiß, wann sie wieder nach Hause kommt.

Vater sieht mich ein bisschen vorwurfsvoll an. Meine ich.
Ich verkrümel mich wie immer in mein Zimmer. Die Tür mache ich aber ruhig und vernünftig zu.
Im Stillen denke ich: Hätte ich mal wirklich Informatik genommen.

Dasselbe denke ich immer noch: Hätte ich mal Informatik genommen.

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