Mittwoch, 10. September 2014
#872# Und jetzt?
Es geht gerade so wahnsinnig viel in meinem Kopf vor, dass ich gar nicht weiß, wie ich das sortieren oder wo ich da anfangen soll...
"Sie stehen sehr unter Leistungsdruck. Sie sind wirklich wahnsinnig gehetzt. Das ist nicht gut. - Eigentlich müsste ich mich heute hinsetzen und einen Brief ans Arbeitsamt schreiben, damit Sie zur Ruhe kommen und sich finden können; es wäre besser, Sie bleiben jetzt ein oder zwei Jahre für sich als dass Sie in fünf Jahren arbeitsunfähig sind."
Und was mache ich? - Nee, da komme ich nur ins Grübeln, lassen Sie mal, ist schon tutti... und gehe nach Hause und laufe selber im Hamsterrad weiter, gehetzt und selbst angetrieben und dabei so antriebslos, dass ich es nichtmal schaffe, hier aufzuräumen, die Präsentation zu üben, mich vorzubereiten oder ganz simpel: Einfach wirklich runter zu kommen. Da hilft mir auch "Geben Sie sich die Erlaubnis, zu versagen" nicht - wenn man versagt, ist man die faule Sau, die sich einfach keine Mühe gibt, die zu schlecht ist, die sich nicht kümmert, die noch pubertiert, die keinen Nutzen und keinen Wert hat, die bloß kostet - und ich würde so gerne für mich selber aufkommen können, ohne Hilfe von Murx und ohne Hartz IV.

Mein Kopf weiß, dass es jetzt Zeit ist, heil zu werden, dass ich jetzt Zeit brauche, Abstand, ein dickes Fell und es endlich Zeit wird, sich auch auf sich selbst zu besinnen, aber es kommt nicht an - es kommt auch nicht an, dass es doch auch zählt, überhaupt eingeladen zu werden, dass es zwar eine Chance ist, aber eben nicht die einzige Chance, weil da noch viel mehr Chancen kommen werden, so wie in der Vergangenheit immer wieder Stellen gekommen sind: Bin ich doch zu unflexibel, sollte ich hier weggehen? Was bringt es mir, wenn ich unglücklich bin? - In Leipzig war ich auch dann nicht zufrieden, wenn Murx da war, ich wollte immer zurück ans Meer.

Will ich überhaupt arbeiten, habe ich die Kraft dazu, wenn ich nichtmal den Haushalt so hinkriege, wie ich es mir vorgenommen hatte? Bei nur zwei Personen? - Ist es fair, wenn bloß Murx sich den ganzen Tag krumm macht? Und wenn ich hier herumsitze, mit der einzigen Erklärung: Ich kann nicht, ich will nicht, ich habe Depressionen, ich bin krank? - Fange ich nicht gerade an, mich auf den Depressionen auszuruhen, weil es so bequem ist und für alles herhalten kann, was einem nicht gelingt? - Werde ich überhaupt jemals den Berufseinstieg schaffen? Wird dann wirklich alles besser? Will ich wirklich wieder pendeln? Muss das wirklich sein? Was mache ich dann mit der Therapie, wenn ich Vollzeit arbeite? Wenn ich dann womöglich tatsächlich pendeln muss? Wenn ich nur Vollzeit kriegen kann statt halbtags?

Ich fasse es auch immer noch nicht: Ich bin immer noch so schockiert darüber, dass die Depression wirklich so schwer sein soll... damit hätte ich nie im Leben gerechnet! - Klar ahnte man was, aber ich dachte, schlimmer als mittelprächtig kann es gar nicht sein; aber so, das ist krass. Das passt gar nicht zu mir. Ich war immer so herrlich unkompliziert!

Und es tut weh. So viele Pillen kann ich gar nicht schlucken. Das Fluoxetin ist jetzt bei 20 mg, 10 haben bei mir einfach nicht gewirkt. Wenigstens habe ich keinerlei Nebenwirkungen und wenn das so bleibt, gehe ich mit Freuden auch auf die Maximaldosis hoch! - Vorausgesetzt, ich komme durch die Leitung, auch dieses Mal musste ich persönlich zur Neurologin...

Wissen Sie, was absolut scheisse ist? - Wenn Sie denken, Sie haben gar nichts in dieser Welt verloren, keine Aufgabe und auch keinen Sinn - musste dieses Studium wirklich sein? Musste ich wirklich unbedingt den Master anhängen, wenn ich das doch gar nicht mag? Höher, schneller, besser, weiter - eine wunderbare Dressur, die kaputt macht. Und ständig im Wettbewerb mit anderen. - Wenn mir andere von ihren Erfolgen erzählen, Urlauben, sozialen Aktivitäten, persönlichen Fähigkeiten, interessanten Aufgaben,... ach, ich fühle mich so klein. So klein! Mit Hut. Es ist unerträglich, anders kann ich es nicht nennen, und ich weiß nichtmal, wie ich es ändern kann.

"Ja, Frau Tama, das ist schwer. Aber es wird besser!"

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