Freitag, 15. Januar 2016
#958# "Harte Therapie"
Ich bin wütend. Sogar sehr. Ich bin so wütend, dass ich nicht weiß, wie ich reagiert hätte, wenn ich diese Wut schon damals gespürt hätte. Aber damals, damals fühlte ich mich einfach nur hilflos und verdrängte.

Ich bin nie mit Bauchschmerzen zur Schule gegangen. Ich hatte keine Abneigung gegen die Schule. Klar gab es Fächer, die ich nicht mochte wie andere Fächer und es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, wozu man dieses oder jenes eigentlich durchnimmt. Im Ganzen habe ich aber die Möglichkeit zu lernen immer genossen und geschätzt, auch wenn ich manches Mal einige Lehrer verflucht habe, weil die doof und unfair und überhaupt all das waren, was mir nicht passte. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, auch nur so etwas wie Groll gegen meine Klassenkameraden zu empfinden.

Was da war, war Unverständnis. Eine allgemeine Abneigung gegen Menschen. Aber wütend sein, auf einzelne? Im Affekt. Aber nicht so wie jetzt.

Ist es nicht verrückt, wie und wo es einem gelingen kann, Erinnerungen unterzubringen und sie nie mehr wiederzufinden? Ich frage mich, was dachte ich mir damals eigentlich dabei, nicht wütend zu sein, sondern mich einfach nur hilflos zu fühlen, und diese Hilflosigkeit und Einsamkeit zu verdrängen?

Ja, ich bin wütend. Ich bin so wütend, dass ich auch jetzt nicht weiß, was ich täte, wenn ich auch nur einem von ihnen jemals wieder über den Weg laufen sollte. Jetzt in einer anderen Stadt unwahrscheinlich. Dennoch ist es mir schon einige Male passiert, vor Jahren. Statt wütend zu sein, war ich aber nur unwillig, so wie bei einer lästigen Besorgung oder Notwendigkeit. Wütend war ich nie.

Ich bin wütend. Und ich bin hier, wo ich jetzt stehe. Und ich fühle mich großartig!

Ich bin heile und ich bin richtig. Ich hatte es seinerzeit nicht nötig, andere klein zu machen, damit ich groß werde. Ich bin ich, weil ich erlebt habe, was ich erlebt habe, und ich bin ich, obwohl ich erlebt habe, was ich erlebt habe.
Ich kann erhobenen Hauptes durch die Welt gehen. Worte tun weh, aber sie machen einen nicht kaputt. Stöcke und Steine können einen kaputt machen.

Ich bin wütend, aber nicht auf mich. Ich habe nichts falsch gemacht, das waren sie. Denn kein Arsch der Welt gibt einem selber das Recht, sich wie ein Arschloch zu benehmen.

Ich habe mich selbst gerettet, und es hat lange gedauert, bis ich das begriffen habe. Ich bin gereift, habe mir meine Courage bewahrt und ich bin gereift und ich bin gewachsen. Ich bin hier, weil es mich gibt und weil ich bin, wie ich bin. Niemand hat etwas zu meiner Stärke zugetragen. Die Lehrer nicht, meine Eltern nicht und die Klassenkameraden nicht, die ich damals von meiner Freundesliste strich.

Ich bin wütend, weil ich immer gesünder werde. Und eine gesunde Wut gehört zur Gesundheit dazu. Empörung ist absolut in Ordnung. Und sie ist angebracht.

Ich höre nicht auf, mich einzumischen, nur weil ich "die Nächste" sein könnte. Ich bin mit mir zufrieden, also muss ich mich auch nicht ändern, weil ich mit mir selbst leben und zurechtkommen muss.
Es wird mir auch weiterhin egal sein, was andere über mich oder meine Meinungen denken. Sie gehören zu mir und es hat Gründe, dass ich sie habe.

Ich bin wütend und das ist wirklich sehr gesund. Es heißt, dass ich mir etwas wert bin. Und das ist gut so.

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Hey! Das ist ausgezeichnet! Wut zu fühlen bedeutet ja, dass man sein eigenes Territorium erkennt. Ich freue mich mit Dir!

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Vielen Dank!
Ich freue mich tatsächlich darüber. Die Wut ist nicht angenehm, aber längst überfällig.

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